Eine Rucksacktour an Irlands Westküste

Samstag, 7.Juni: Cong



© 1998 - 2002 Friedhelm Stille

So wie wir reisen, ist alles völlig offen. Da sind keine vorgebuchten B&Bs und keinem Reiseveranstalter sind wir verpflichtet, dann und dort aufzutauchen, nur weil es im Programm so vorgesehen ist.
Gestern abend, beim Bier im Hofbräuhaus, da beschlossen wir die Programmänderung. Keine steinernen Landschaften mehr und keine endlose, sich wiederholende Kargheit, soweit das Auge reicht. Da wollen wir Connemara mit seinen Moorlandschaften lassen, wo es ist. Ein wenig verdichtete Umgebung mit kurzen Wegen. Auch der Füße wegen. Wir wollen nach Cong, an den Lough Corrib nördlich von Galway.

Um halb neun bringt uns ein Expressway von Bus Aireann bis Galway Central. Da verbleiben uns knapp zwei Stunden und wir deponieren unsere Rucksäcke im Hauptbahnhof . Bei der nah gelegenen Tourist Info holen wir uns noch ein paar Infos über Cong und die Umgegend. Vor ein paar Tagen, letzten Dienstag, sind wir von hier aus nach Inverin und von dort zu den Aran-Inseln gestartet.

Galway ist die einzige größere Stadt in der Region. Es gibt eine richtige Innenstadt. In einem Kaufhaus erstehe ich für fünfzehn Pfund eine Regenjacke. Gegen zwölf fahren wir mit einem der Expressway-Linien nach Cong. Der Fahrer merkt uns unsere Verwunderung wohl an, als er Folks, the City of Cong! wie zur Bestätigung wiederholt. Ja, doch, man sei in Cong, oder doch kurz davor, gerade mal eineinhalb Kilometer die Straße weiter, links um die Biegung da vorn, und dann sei man in Cong.

Cong City Limit Wir müssen es ihm glauben und werden auf die Landstraße entlassen. Der Bus biegt nach rechts ab. Linker Hand findet sich einer von mehreren Eingängen zum weitläufigen Park von Ashford Castle.
Das allein hätte uns Beweis genug sein müssen, unmittelbar vor oder bei jenem Cong zu sein. Wenn wir uns ein wenig besser vorbereitet hätten. Wir folgen also der Straße. Nach der Biegung nach links ist da dann auch schon das Ortsschild und gleich darauf ist man in der City, also der Hauptstraße eines irischen Ortes, dort wo die Pubs und Lebensmittelläden anzutreffen sind. Wieder auch Hinweise auf verschiedene B&Bs.

Unseres liegt etwas außerhalb des Dorfes am anderen Ende und heißt Dolmen House. Es ist ein modernes, neues Haus mit einem riesigen Hof davor. Als auf unser Schellen hin sich nichts rührt, klopfen wir. Da auch dies nichts hilft, gehen wir ums Haus herum. Doch niemand scheint anwesend zu sein, nicht einmal Gäste. Da stehen wir also etwas unschlüssig herum, auf dem großen Vorplatz vor dem Haus. Wie bestellt und nicht abgeholt. Da wir aber nichts bestellt haben, können wir uns nicht einmal beschweren. Schon sehen wir uns mit den Rucksäcken den Weg zurück ins Dorf auf der Suche nach einer anderen Bleibe.

Are you the cyclists who called in?

Die Stimme gehört einer blonden Mittzwanzigerin. Sie kommt lachend die Einfahrt hoch, mitsamt einem strolley, einem Kinderwagen und schaut uns an. Nein, erklären wir, wir seien nicht die vorangekündigte Fahrradgruppe. Wir seien zufällig hier, das Haus ist doch so schön, und die Lage ebenso, und ob denn nicht für drei Tage etwas zu machen sei. Es ließ sich was machen, wir bekommen ein bereits verplantes großes Zimmer mit drei Betten drin. Die ursprüngliche Belegung wird woanders untergebracht in dem großen Haus; die bleiben schließlich nur für eine Nacht. Das ist hier nicht anders wie im Rest der Welt: Drei Personen für drei Nächte ist besser als zwei Personen für eine Nacht.

Unser Zimmer ist groß und hell. Rucksäcke werden abgestellt, ausgepackt und sich eingerichtet.

Am frühen Nachmittag, so zwischen zwei und drei, sind wir wieder on the road. Ohne Gepäck und dem Gefälle der Straße folgend statt gegen es anlaufend geht es sich gleich leichter. Wir queren eine kleine, steinerne Brücke, vielleicht drei Meter lang, einen Graben überbrückend, nicht mal so tief wie die Brücke lang ist. Das dieser Graben kein Graben, sondern ein Kanal ist, ist, da kein Wasser in ihm fließt, erst der örtlichen Literatur zu entnehmen. Dieser zufolge wurde der Kanal in mehrjähriger Bauzeit ausgehoben, um die Wasser des nördlichen Lough Mask mit denen des südlicheren und tiefer gelegenen Lough Corrib zu verbinden. So wurden also Gräben ausgehoben, und das Wasser floß, allerdings nur zum Teil, in den südlichen Corrib als vielmehr direkt in den Boden. Dieser bestand - und besteht - zum großen Teil aus Kalksandstein, in dem das Wasser schnell versickerte. Irgendwann hatte man wohl ein Einsehen und stellte weitere Bemühungen in dieser Angelegenheit ein.

Es sind etwa zehn Minuten bis zu der Gruppe von Häusern, dem Supermarkt und den Pubs, die entlang der einzigen Straße im wesentlichen das ausmachen, was sich Cong zu nennen pflegt. Diese Wertung ist weder abwertend gemeint noch vollständig. Da gibt es nämlich noch die verfallende Ruine einer Abtei, Cong Abbey. Die zur Abtei gehörenden Gärten sind im Gegensatz zum heiligen Gemäuer noch gut erhalten, wirken sehr lebendig und gepflegt. Dann ist da noch Ashford Castle, ebenfalls älteren Datums, aber gut erhalten und bewohnbar. Es fungiert jetzt als Nobelhotel, in dem schon Ronald Reagan und John Wayne logierten. Letzterer während der Dreharbeiten zu dem Schmachtfetzen The Quiet Man, unter dem Titel Der Sieger ein auch im deutschen Fernsehprogramm der 50er/60er Jahre gezeigter Film von dem kürzlich eine Wiederholung lief. Noch immer wird in Cong an die Film und die Dreharbeiten erinnert. Es existiert ein Pub gleichen Namens. Auch der Film wird immer noch gezeigt, angeblich täglich.

Wir Drei sind unterdessen unterwegs zum Corrib. Da dieser See ziemlich breit ist und im Süden liegt, und zudem recht nah, ist es kein großes Problem ihn zu finden und in angemessener Zeit zu erreichen. So wandern wir durch die ausladenden Anlagen von Cong Abbey, sehen in der Ferne die Türme des Schlosses und finden uns alsbald auf einer Landstraße wieder, die zielsicher zum See führen muß.
Immer häufiger blicken wir nun nicht nur nach vorn, sondern himmelwärts. Keineswegs in der Hoffnung auf navigatorische Unterstützung durch höhere Mächte denn aus meteorologischem Interesse. Cumulus nimbus, das dunkle Wolkengebilde über der Waldlichtung mit dem hellen Boden wirkt sehr fotogen in seiner Dramatik. Kurz darauf entlädt sich das Drama in einem Wolkenbruch. Wir finden nur sehr dürftigen Schutz unter einer Baumgruppe. Der am Morgen in Galway getätigte Kauf meiner Regenjacke spendet Trost.
Nach einer Weile, es regnet immer noch, sprinten wir einige hundert Meter in den nahen Wald und folgen der Straße, an deren Weg wir Cong vermuten. Schneller als erwartet finden wir erneut zurück in den Schloßpark; durch einen anderen Eingang, auf einem anderen Weg direkt am Schloß und am Ufer des Corrib entlang, der hier bis fast ans Schloß reicht.
An einem direkt an der Landstraße gelegenen Ausgang, an welcher uns heute früh der Expressway abgesetzte, werden Tickets verkauft. Pro Tag und Person drei irische Pfund für das Betreten des Parks. Offenbar wird nur beim Betreten kontroliert, nicht aber auf dem Rückweg, und auch nur an bestimmten Zugängen.
Am frühen Abend sind wir wieder zurück. Zeit genug, sich im Dolmen House zu erfrischen, bevor es nochmals downtown geht, zum Essen fassen und Bier schlürfen. Weiter...